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Hospizverein Lichtenfels

Interview mit einer Hospizbegleiterin

Redaktion: Frau Gunzelmann, Sie arbeiten im Hospizverein Lichtenfels ehrenamtlich mit. Wie?

Gunzelmann: Beim Hospizverein bin ich ehrenamtliche Hospizbegleiterin. Unter anderem habe ich eine Fortbildung als Beraterin für Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht und auch einen Kurs für letzte Hilfe.

Redaktion: Was macht eine Hospizbegleiterin?

Gunzelmann: Ein Hospizbegleiterin begleitet einen Sterbenden oder Schwerstkranken in der letzten Lebensphase. Das ist aber nicht immer zwangsläufig der Fall. Meine erste Begleitung war eine Frau, von der man der Meinung war, sie sei am Lebensende angelangt, und würde bald sterben. Sie hat sich dann aber wieder erholt, sodass ich sie über eineinhalb Jahre begleitet habe.

Redaktion: Das ist normalerweise nicht so lange?

Gunzelmann: Nein, nicht unbedingt. Es gibt lange Begleitungen - manche dauernd über drei Jahre. Eine andere Begleitung, die ich hatte, ging nur über ein viertel Jahr. Sie war sehr intensiv. In der Zeit bin ich 500 km gefahren.

Redaktion: Haben Sie das dann selbst bezahlt?

Gunzelmann: Wir können für jeden Termin die Kilometer über den Hospizverein abrechnen mit einer Pauschale von 32 ct pro Kilometer.

Redaktion: Was war Ihre Aufgabe bei dieser Begleitung?

Gunzelmann: Du bist einfach da, hält die Hand, betest mit dem Menschen, wenn es noch möglich ist. Ich habe mit der Frau damals gesungen, gelacht, geredet. Einfach da sein, das ist das Wichtigste, da sein und es auch aushalten können das Dasein.

Redaktion: Inwiefern aushalten können?

Gunzelmann: Naja, die Frau dich da begleitet habe, war ja wirklich schwerst Krebs krank. Sie hatte auch eine weitere Behandlung mit einer Chemotherapie abgelehnt. Da war dann auch noch das familiäre Umfeld, das sehr schwierig war. Das spielt oft eine große Rolle. Die Frau war erst Mitte 60 und es war klar: sie wird sterben. Und auch wie sie dann gestorben ist: sehr schwer – und die ganze Erkrankung, das muss man dann auch schon verkraften können.

Redaktion: Nimmt man da auch mal was mit nach Hause?

Gunzelmann: (zögert und überlegt) Ja…, …jain. Es belastet einen schon. Manchmal merkt man es erst später. Ich denke wenn man niemand hat, ist es unter Umständen schwierig. Wir werden aber auch gut vom Hospizverein begleitet, mit vertieften Fallbesprechungen zum Beispiel. Es besteht auch immer die Möglichkeit, von Koordinatorinnen ein anzurufen. Man braucht schon jemand, mit dem man das besprechen kann.

Redaktion: Wie kommt der Kontakt mit dem Hospizverein zustande?

Gunzelmann: In der Regel kommen die Angehörigen auf den Hospizverein zu, manchmal auch die SAPV (spezialisierte ambulante Palliativversorgung), das Krankenhaus oder Sozialstationen.

Redaktion: Wurden Sie für ihren Dienst ausgebildet?

Gunzelmann: Wir haben einen ca. sechsmonatigen Kurs mit 120 Einheiten á 45 Minuten und ein zehnwöchiges Praktikum in einem Alten und Pflegeheim. Es wird viel Inhalt vermittelt. Man setzt sich aber auch mit sich selbst und den eigenen Erfahrungen von Tod und Trauer auseinander, das ist schon auch wichtig.

Redaktion: Welchen Gewinn ziehen Sie für sich aus dieser ehrenamtlichen Tätigkeit?

Gunzelmann: (lacht) Das ist wahrscheinlich meine soziale Ader! Ich fühl mich gut, wenn ich jemanden helfen kann. Oft entwickelt sich auch eine gute Beziehung. Ich hatte auch schon das Gefühl, man tut dem Menschen gut. In der Sterbephase geht zum Beispiel viel über den Kopf, d.h. den Sterbenden am Kopf zu berühren und zu halten.

Redaktion: Wie äußert sich das?

Gunzelmann: Die Frau, die ich begleitet habe, ist dadurch richtig ruhig geworden und war viel weniger aufgeregt.

Redaktion: Hat diese Tätigkeit bei Ihnen etwas verändert?

Gunzelmann: Schwer zu sagen, weil ich ja schon als Krankenschwester viel erlebt habe. Aber man nimmt vielleicht manches nicht mehr so wichtig und sieht es ein wenig gelassener.

Redaktion: Wie viele Ehrenamtliche sind Sie?

Gunzelmann: Wir sind aktuell 35 und der nächste Kurs mit so ca. zehn Teilnehmern fängt jetzt an.

Redaktion: Wie endet eine Betreuung?

Gunzelmann: Bei der älteren Dame, von der ich erzählt habe, ging das dann ganz schnell. Da stand ich vor der Tür. Dann hat die Nachbarin gesagt: „Ach wissen Sie des net, die ist doch gestorben!“ Da saß ich dann in meinem Auto und habe unserer Koordinatorin was vorgeheult. Vielleicht bin ja bloß ich so sensibel, aber es hat mich getroffen, dass ich das nicht gewusst habe, so es sicher noch die Möglichkeit gegeben hätte, sie im Krankenhaus zu besuchen. Bei einer anderen Frau war ich bis zum Schluss dabei.

Redaktion: Bekommt man dann gleich am nächsten Tag wieder eine Betreuung?

Gunzelmann: Nein! Es ist dann immer erst mal eine Pause und eben diese Fallbesprechungen. Die Frau, die diese leitet, fängt das ab. Sie hat eine spezielle Ausbildung.

Redaktion: Das heißt, durch diese Besprechungen kann man das bearbeiten…

Gunzelmann: …und schließt es irgendwie auch ab. Es kommt schon auch auf die Umstände an. Ich erinnere mich an eine Situation, da waren die Familie beim Sterbenden dabei, da hat man Kerzen angezündet, das war halt ein bewusster Abschied. Wenn ich so einen Abschied habe, da ist alles ein bisschen leichter.

Redaktion: Kommt es vor, dass Verwandte dies an Sie abgeben wollen?

Gunzelmann: Viele können das nicht, dabei sein, wenn jemand stirbt.

Redaktion: Da ist es ja gut, wenn man jemand wie Sie hat. Sie helfen also nicht nur den Menschen, die Sie besuchen, …

Gunzelmann: …oftmals auch der Familie, mit der Situation umzugehen.

Redaktion: Was würden Sie den Leserinnen und Lesern des Pfarrbriefs aus Ihrer Tätigkeit mitgeben?

Gunzelmann: Hm…, das ist jetzt eine schwierige Frage! - Manches nicht so wichtig nehmen – man kann eh nichts mitnehmen. Und aufeinander achten. Und wichtig: in den Familien miteinander reden. Das macht vieles einfacher am Ende.

Redaktion: Frau Gunzelmann, wir danken ihnen herzlich für dieses Gespräch!

Das Interview führten Stefan Zipfel und Clemens Grünbeck.